Dieser Artikel erschien in einer etwas kürzeren Fassung am 25. März 2020 in der Luxemburger Zeitung Tageblatt.

Der Coronavirus hat unsere Gesellschaft nun seit einiger Zeit fest im Griff, und auch Luxembourg bekommt so langsam das Ausmaß zu spüren. Durch meine Forschungstätigkeit als Umweltökonom mit, unter anderem, Schwerpunkt auf Katastrophen, fragen mich viele Bekannte wie es nun weiter geht. Vor allem die unterschiedlichen Meldungen in den Medien, die Falschmeldungen und die große generelle Unsicherheit macht den Menschen zu schaffen. Aus diesem Grunde habe ich wissenschaftlich fundierte Informationen zusammengesucht um auf zwei, mir häufig gestellte Fragen, zu antworten. Ich gehe hier hauptsächlich auf Luxembourg ein, aber viel von dem was ich beschreibe gilt auch für andere Länder.

Wie lange wird die Quarantäne noch dauern?

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer Inkubationszeit, das heißt die Zeit zwischen Aufnahme des Virus und Ausbruch der ersten Symptome, von 1-14 Tagen, wobei es im Durchschnitt fünf Tage sind. Die meisten Menschen mit milden Symptomen sind nach circa zwei Wochen geheilt. Bei Menschen mit einem starken Krankheitsverlauf, der einen Krankenhausaufenthalt erfordert, kann es bis zu sechs Wochen dauern. So lange also die Quarantäne rigide eingehalten wird, dürfte nach drei Wochen die Ausgangsperre reduziert werden. Dies beruft sich auf die circa fünf Tage Inkubationszeit plus zwei Wochen bis zur Heilung. Die Personen mit einem starken Krankheitsverlauf sind dann im Krankenhaus eh isoliert, können also theoretisch niemanden anstecken. Laut Weltgesundheitsorganisation ist man auch nicht mehr, oder nur noch sehr geringfügig, ansteckend wenn die Symptome wieder abklingen. Um sicherer zu gehen und weil man halt noch nicht genau alles über Inkubationszeit sowie Ansteckungsrisiken weiß, wäre es ratsam, zumindest eine Woche oder zwei die Ausgangssperre zu erweitern, was man auch abhängig vom Verlauf der Pandemie machen sollte. Mitte April sollte demnach in Luxembourg die Ausgangssperre reduziert werden können. Jetzt ist die Frage wie stark diese Sperre runtergefahren werden kann.

Das Problem ist, dass das Virus dann trotzdem noch in der Bevölkerung ist und Personen sich wieder gegenseitig anstecken werden. Ob dann eine zweite Welle kommt hängt von zwei Hauptfaktoren ab: Wie weit wird die Ausgangssperre reduziert? Und wie viele Personen sind dadurch immun geworden, dass sie zwar den Virus bekommen haben, aber nicht in der Statistik erfasst wurden. Dies passiert, wenn sie nur einen milden Krankheitsverlauf hatten aber nicht ins Krankenhaus gegangen sind.

Weil man besonders das Letztere nicht weiß, ist es ratsam, die Ausgangssperre erstmal nur teilweise zu lockern. Dadurch kommt es über die Zeit zu einer Herdenimmunität wobei eine Überbelastung der Krankenhäuser, zumindest theoretisch, vermieden wird. Hier könnte man asiatische Länder (wie China) als Vergleich ansehen, wo die Ausgangssperren schon gelockert wurden, die also 1-2 Monate Vorsprung haben. Weiterhin ist es wichtig die Nachbarländer im Auge zu behalten, denn zB in Deutschland gibt es noch keine Ausgangssperre, was eine zeitlich versetzte Herdenimmunität der Bevölkerung hervorrufen wird. Diesem kann Luxembourg mit einem Verschließen der Grenzen entgegenwirken, ruft aber wieder mehr Unsicherheit hervor, vor allem wegen der hohen Zahl der Pendler die entscheidend sind für Luxembourgs Wirtschaft.

Eine der großen Unsicherheiten ist wie lange eine einmal gewonnene Immunität anhält. Das kann theoretisch kurzfristig sein (wie zB bei anderen Coronaviren), und die Erwartung ist, dass Personen mit weniger starken Symptomen auch weniger lange immun bleiben. Wie lange ist nach dem Stand der Datenlage noch nicht sicher. Dann ist die Immunität nur nützlich, wenn das Virus an sich nicht mutiert. Wie schnell und ob es mutiert steht im Moment noch in den Sternen. Falls das Virus mutiert bedeutet dies, dass von ab an jedes Jahr ein ähnliches Szenario möglich ist wie dieses – monatelange Quarantänen, Arbeitsausfälle, Überlastung der Krankenhäuser und soziale Unsicherheit. Schlussendlich ist es möglich, dass in der nächsten Zeit Impfstoffe gefunden werden. Schätzungen zu Folge wäre dies innerhalb von einem Jahr möglich. Falls Impfungen weltweit zur Verfügung stehen werden, oder einmal gewonnene Immunität genügend lange anhält, dann wird unsere Gesellschaft wieder zum gewohnten Ansatz zurückkehren können.

Was bedeutet dies für meinen Job und die ökonomische Lage?

Statec hatte vor Kurzem noch von einer Reduktion im Wachstum des BIP für 2020 von 2.4% auf 0.7% gerechnet. Dies scheint sehr niedrig zu sein und eher davon auszugehen, dass die Pandemie keinen großen Einfluss auf die Wirtschaft haben wird sowie ein starker Catching-Up Prozess stattfinden wird.  Forscher von der Australian National University rechnen für Frankreich und Deutschland durch das Coronavirus, abhängig vom Ausmaß, mit einer Reduktion im Bruttoinlandprodukt (BIP) von 2-8.7% im Jahre 2020. Für Luxembourg sollte ein ähnlicher Einbruch zu erwarten sein. Dies ist weniger als die 9% Reduktion des BIP im Jahre 2008 durch die Finanzkrise.

Der große Unterschied ist, dass die Finanzkrise durch Ungleichgewichte und Spekulation entstanden ist, während im Falle des Coronaviruses es an sich keine fundamentalen Probleme gibt. Dies könnte auch bedeuten, dass, sobald die Quarantänezeit vorbei ist, ein stärkerer Catching-up Prozess stattfinden wird. Vor allem wird dies im Finanzsektor spürbar sein, der eigentlich ziemlich schnell wieder das Niveau von vor der Coronakrise erreichen sollte. Wann dieser Catching-up Prozess anfängt hängt auch davon ab, wie strikt die Quarantäne in den Nachbarländern wie Frankreich und Belgien durchgezogen wird. Dass auch in Deutschland die Quarantäne kommen wird ist ohne Frage, nur bedeutet die zeitliche Verzögerung der Quarantäne halt auch einen stärkeren Rückgang des BSP in Deutschland, was wieder einen Einfluss auf Luxembourg haben wird.

Eine große Frage ist jedoch, ob europäische Länder wie Italien oder Spanien, die schon wirtschaftlich angeschlagen sind, durch die jetzige Situation in eine Rezession gedrückt werden oder nicht. Starke Anreize von den europäischen Institutionen dürfte dieses Risiko zumindest minimieren. Solange diese jetzt schon angeschlagenen Staaten nicht noch in eine Staatsschuldenkrisen kommen, dürfte auch dies kaum einen Effekt auf Luxembourg haben. Hier ist Rolle der EZB und der restlichen europäischen Institutionen von entscheidender Bedeutung.

Eine andere Frage ist ob die Grenzen weiter geschlossen werden und wie dies die Pendler beeinflussen wird. Gehen wir davon aus, dass die Annahmen über die Quarantänezeit in Luxembourg in etwa stimmen, und dass die Zeiten für die Grenzregionen ähnlich ausfallen werden. Der Luxembourger Ökonom Luisito Bertinelli findet hierzu, dass Pendler noch vermehrt mit Kontrollen und gegebenenfalls Staus an den Grenzen rechnen müssen. Dies könnte auch noch langwierigere Folgen haben, wenn zum Beispiel Pendler über längere Frist einfach nicht mehr diesen Zeitverlust in Kauf nehmen wollen.

Im also wahrscheinlichen Szenario, wo die Quarantäne spätestens Anfang Mai drastisch reduziert wird, dürfte man davon ausgehen, dass der Coronavirus keinen so großen Einfluss auf Luxembourg haben wird wie die Finanzkrise von 2008. Im problematischen Fall, wo das Coronavirus mutiert oder die Immunität nicht lange anhält, wird das Virus wohl Teil unserer Gesellschaft bleiben und einen Einfluss auf unsere Gesellschaftsform haben. Was dies bedeuten würde wäre auf reiner Spekulation basiert. Die nächsten Wochen werden uns jedoch zeigen, ob das wahrscheinliche Szenario eintritt, und die nächsten Monate werden zeigen, ob der problematische Fall Realität wird.   

Was absolut entscheidend sein wird, ist, dass die Luxembourger Regierung die finanzielle Situation von kleinen und mittelständigen Unternehmen im Auge behält. Größere Unternehmen, wie Luxair, bekommen automatisch vom Staat Unterstützung. Die kleineren und mittelständigen Unternehmen haben oftmals nur wenig finanzielle Rücklagen, und um die nächste Zeit zu überbrücken muss der Staat die Rolle des Konsumers übernehmen. Finanzspritzen, keynesianische kontra-zylische Politik ist hier angesagt.

Schlussendlich habe ich noch öfters gelesen, dass diese Krise der Umwelt hilft und vielleicht sogar Änderungen in unserem Lebensstil und Arbeitsansatz hervorrufen wird. Dies ist sehr unwahrscheinlich solange die oben genannten Berechnungen stimmen und wir nicht in dem problematischen Fall landen. Die Umwelt hat jetzt eine kurze Pause von der Verschmutzung, aber im Grunde genommen wollen die meisten, so wie es aussieht, so schnell wie möglich in den alten Trott zurückkehren. Was also wichtig wäre ist, dass die Politik keine Gelder abzieht von umweltrelevanten oder sozialen Projekten und Interventionen, damit diese kurze Pause für die Umwelt zumindest nicht nachher von einem kontraproduktiven Catching-up wieder überrollt wird.